„Mit Farbe und Mut durchs Leben“

Anmerkungen zum Oeuvre von Elfriede Fulda (1921-2015)

Passioniert, tiefgründig, resolut, rastlos, investigativ und souverän. Diese Wesenszüge oder Wahrzeichen von Elfriede Fulda kristallisieren sich auf Anhieb bei einem Rundgang durch das von Angelika Fulda betreute Archiv sowie beim Durchforsten der exzellent durchgestylten Webseite: www.fulda-elfriede.de heraus.

Die Kölnerin Elfriede Fulda verblüfft nicht allein durch ein schillerndes Spektrum konsequent absolvierter, akademischer Ausbildungswege oder künstlerischer Engagements, darunter intensive Studien des Nachlasses von Avantgardist Adolf Hölzel (1853-1934); Faszination übt ein monumentales Oeuvre aus, dem es an Diversität (etwa: Papierarbeiten, Ölgemälde, Kirchenfenster, Mosaikkunst, Illustration, Tapisserien) und Komplexität keineswegs mangelt.

Unter den zahlreichen pionierhaften Auf- und Durchbrüchen zu neuen Ufern der Künste nehmen die um 1983 ins Leben gerufenen „Strukturbilder“ eine Sonderposition ein. Den Grundstock für diese umfangreiche Suite legen ergiebige, kontinuierlich anberaumte Aufenthalte auf der südgriechischen Insel Santorin. Es ist offenbar primär die Wirklichkeitswahrnehmung spezifischer, fesselnder Lichtqualitäten und einer insgesamt affizierenden klimatischen Aura, ein einzigartiges Lokalkolorit, die eine mit August Mackes Tunis Erlebnis annähernd vergleichbare Epiphanie auslösen. Diese leitet frische Anläufe auf die Bereiche Sinnlichkeit und Farbe, die Licht – Schatten Ästhetik und stellt die Weichen für abstrakte, auf Materialexperimenten beruhende Kompositionsmethoden. Bislang nicht erprobte Optionen der Bildgenese vermittelt überdies die Erfahrung, dass in der griechischen Wahlheimat insbesondere Werkstoffe wie Ölfarben extrem zügig trocknen.

Die experimentellen, von Zeichnungen begleiteten Novitäten entstehen wie folgt: wasserversetzte Ölfarben werden zunächst auf einen mit Kleister versiegelten, vernarbte Krakelees und Ziselierungen bildenden Kartonfond geträufelt oder gegossen; durch sporadische Wende- und Biegemanöver des Bildträgers kommt ein nicht gezielt steuerbarer, aquarellähnlicher Farbenfluss in Gang; kennzeichnend sind weiterhin die in der informellen Malerei heimischen Schlieren, Rinnsale sowie fleckige Zerklüftungen („Wüstenkarawane“, „Kosmische Tiefe“). Das finale Erscheinungsbild dieser Prozessphase stockt Elfriede Fulda auf durch gezieltere, oft figurative Bildbearbeitungen, Strukturen herauskristallisierende Eingriffe mit Pinsel oder Minispritze (Struktur-Acrylfarbe, auch in Schwarz). Modifiziert wird dieses Verfahren durch abweichende Dosierungen von jeweils Kleisterstärke, Farbe und Wasser.

Das Ergebnis sind von brüchig porösen Miniatur-Grafismen und Farbinseln, Riffen und reliefhaften Wölbungen unterwanderte dichte, vielfach melodisch pulsierende Farbgeflechte; diese sind bevölkert mit etwa Phantomen, Schemen, Chimären, Masken, morphologischen Chiffren, geologischen, ornamentalen oder geometrischen Formrelikten. Eingeflochten in so manch suchbildähnlicher Partitur sind anthropomorphe Pointierungen („Tanz in den Mond“, „Tänzerin mit Rosen“), die grüblerisch aufdämmernden Erinnerungsflicken und Gedankenblitze der Experimentatorin.

Es greift somit ein Prozess, in dem sich freies Spiel, Zufall und Kalkül oder Kontrolle begegnen. Das Betrachter-Auge taucht ein in die Weite und Tiefe imaginärer Landschaften, in traum- und gar märchenverwandte Bildräume, in lichtglühende, kosmische, ätherische, mythologische und naturhafte Sphären, in scheinbar halluzinative oder gar immaterielle oder spirituelle Dimensionen. Entfesselt werden ebengleich schiere, changierende Farbenräume auf der Basis von etwa glimmendem Ocker, lichtem geradezu mystischem Gelb.

In Kraft tritt ein vielfach lyrisch meditatives, bisweilen melancholisch anmutendes, von geradezu alchimistisch anmutenden Farbenqualitäten, von proteischen Strukturen-Myriaden zehrendes Bildklima.

Die motivischen Erkundungen reichen von Schwerpunkten wie Licht, Sonne, Mond, Sterne, Nacht, Dunkelheit über kreisförmig schwingende Gebilde („Schicksalsrad“, „Lebenskreis“) bis hin zu mehr oder weniger deutlichen Spuren menschlicher Gegenwart.

Obgleich die bis ca. 2001 entworfenen „Strukturbilder“ eine in sich geschlossene Arbeits- und Gedankenwelt repräsentieren, lassen sich vage Berührungsflächen mit vorausgehenden Werkphasen herausfiltern. Von kryptischen, skizzenhaften Linienverläufen durchwirkt sind etliche frühe Aquarelle („Schroffe Landschaft“, 1946, „Gebirgsschlucht“, 1947). Durch formalästhetische Bilddichte und versponnene Strukturenvielfalt zeichnen sich bereits Gemälde wie „Schattengewächse“ (1965), „Ballspiel“ (1975) aus. Die mystische Strahlkraft von Farben beschwört Elfriede Fulda in Bildern wie „Studie in Blau“ (1974) und vornehmlich ihren bezwingenden Kirchenfensterarchitekturen und Glasbildern herauf. Existentielle, anthropomorphe Auslotungen spiegeln nicht allein Portraits und andere Menschenszenen.

Nicht nur in ihrer griechischen Experimentierphase profiliert sich Elfriede Fulda als starke Künstlerinnenpersönlichkeit, die ihre autonomen und stets phantasiesatten Bildfindungen kontinuierlich mit „Mit Farbe und Mut“ (Bildtitel von 1995) bestreitet.

Christina zu Mecklenburg

Bonn, Mai 2019

Künstlerportrait anlässlich der Werkschau „Malerei und Grafik“ in Konstanz

Prof. Dr. Karl Eimermacher

 Je ausgereifter und vielgestaltiger ein künstlerisches Werk ist, desto schwieriger fällt auch seine Kurzcharakterisierung. Dies ist in besonders hohem Maße auch bei Elfriede Fulda der Fall.

Eine frühe Passion zum Malen, ein mühevolles Leben mit Sorge um die Familie, Freude und Zwang zum Zeichnen, Auftragsgraphik (Illustrationen von Büchern,  Schallplattenhüllen,  Einladungskarten, Plakate usw.), Wandteppiche, Aquarelle, Entwürfe für Keramik, riesige Kirchenfenster und Bilder in Öl in nahezu jeder künstlerischen Phase charakterisieren sie und ihr inzwischen umfangreiches Werk nur grob und sehr äußerlich. Weit wesentlicher ist dagegen Elfriede Fuldas spezifisches Verhältnis zu Farbe, Formen und Symbolen, die es ihr ermöglichten, in jeder Art ihrer Werke trotz eines bewegten Lebens in schwieriger Zeit eine harmonische Ausgeglichenheit zu erreichen, eine Ausgeglichenheit, die jedoch nicht in Stagnation endete, sondern zu mehrmaligen Entwicklungsschüben und zur Entdeckung immer neuer Bereiche künstlerischer Ausdrucksmöglichkeit führte.

Dieser Werdegang ist aber nicht nur von einer kontinuierlichen, innerlich motivierten Selbstentwicklung begleitet, sondern zeichnet sich gleichzeitig dadurch aus, dass er immun gegenüber Einflüssen der Moderne und Trends auf dem Kunstmarkt geblieben ist. Erfahrungen, mit Farbe umzugehen, Komplexes auf Elemente zu reduzieren und Elementares aufzugreifen, um es symbolisch zu deuten und wieder neu in komplexe Strukturen einzubetten, hat Elfriede Fulda im Wesentlichen selbst gesammelt; die Moderne hat bei dieser Entwicklung für sie weniger die Funktion einer Enzyklopädie gehabt, deren Formen und Inhalte man sich bedienen kann, sondern muss vielmehr als Bezugspunkt verstanden werden, mit dem sie sich beständig auseinandergesetzt hat, um zu lernen und um dann ihre Werke anders als die ihrer Vorgänger zu machen.

Die Bilder, die Elfriede Fulda seit etwa 1970 macht, setzen Entwicklungen aus den 50er/60er Jahren fort, unterscheiden sich aber von Werken dieser Zeit in Struktur, Technik und Intensität der Aussage grundlegend und stellen von daher auch im Rahmen der europäischen Kunstentwicklung einen originellen Beitrag dar. Konstant blieb dabei die immer schon mehr oder weniger latent vorhandene Tendenz, gefühlsmäßige Eindrücke ganzheitlich so umzusetzen, dass sie in Verbindung mit rationalen Elementen eine sehr hohe Expressivität erhalten und für die unterschiedlichsten Situationen (man vgl. nur das breite Spektrum der Gebrauchsgraphik) funktionalisiert werden konnten. Während Elfriede Fuldas Arbeiten in diesem Bereich zunehmend gefragter wurden, machte sie sich mit ihren eindrucksvollen Kirchenfenstern und Wandteppichen einen weit über Deutschland hinaus reichenden Namen.

In ihnen ging sie über die erste Phase in der Weise hinaus, indem sie die farbliche und figürliche Expressivität mit der durch lange Traditionen festgelegten biblischen Thematik und christlichen Symbolik verschränkte: emotionale Verhaltenheit bei gleichzeitiger geistiger Tiefe und Durchdringung wesentlicher Grundlagen der europäischen Kultur waren das Ergebnis. Diesen Arbeiten folgten schließlich Werke einer neuen, bis jetzt noch keinesfalls voll entfalteten Phase. Sie setzte vor einigen Jahren während eines Griechenlandaufenthalts ein, als Elfriede Fulda unter dem Eindruck des dort gegebenen andersartigen Verhältnisses von Luft, Licht, Farbe und landschaftlichen Strukturen die Welt neu erlebte und die Erfahrung machen mußte, dass weder die herkömmliche Farbe, ihre bildliche Verarbeitung noch die zwar Räumlichkeit suggerierende, jetzt aber versagende Zentralperspektive allein ausreichten, um die Komplexheit eines neuartigen Natur- und Menschenerlebnisses bildnerisch umzusetzen. Der erste Schock dieses für die Künstlerin Elfriede Fulda existentiellen Erlebnisses hatte zunächst zur Folge, dass sie sich intuitiv erneut auf zeichnerische Studien zurückzog, bei denen die Erforschung von elementaren Formen, Bewegungen und die atmosphärische Spezifik fließender Gestik von Tier und Mensch im Vordergrund standen. Ähnliches wurde bald auch mit der Farbe versucht.

kosmosneu

„Kosmos“

Das Resultat all dieser Bemühungen war schließlich eine neue Technik, bei der auf einer höheren Ebene als früher auf komplizierte Weise Formen, Farben und Strukturen so zusammengefügt wurden, dass nicht nur ein neues Sehen der Wirklichkeit möglich wurde, sondern dass damit auch ein Verfahren gefunden war, sehr individuelle, bewusste wie unterbewusste Erlebnisse zum Ausdruck zu bringen bzw. bei einem Betrachter als individuell erfahrbare neue Inhaltlichkeit stimulierbar zu machen.
Gleichzeitig mit diesem Schritt weitet sich der Motiv- und Symbolbestand in den Arbeiten von Elfriede Fulda aus, erfasst Vorchristliches und reicht heute bis hin zu formal-inhaltlich bestimmten Elementen archaischer Bewußtseinsstrukturen. Hierdurch wird nun nicht nur das Gesamtwerk der Künstlerin inhaltlich reichhaltiger, sondern auch das Einzelbild gewinnt in Verbindung mit der neuen Technik: Es stellt gleichsam eine komplexe Synthese elementarer Bewusstseinsfragmente dar, die in ihrer Inhaltlichkeit letztlich nicht vollständig ausdeutbar sind, auch wenn sie für einen jeden Betrachter spontan bestimmte Sinneinheiten (durch Formen und Farbe) im emotionalen und (mittels Strukturen und Symbolen) im rationalen Bereich auslösen. Die Bildgestaltung ist derart, daß die Bilder nicht etwa durch genügend langes Betrachten in immer mehr ihrer Teile bis zu ihrer endgültigen Dechiffrierung aufgelöst werden können; vielmehr ist der umgekehrte Prozess die Regel. Die Bilder verlieren nicht mit der Zeit an Inhaltlichkeit, ’nutzen sich nicht ab‘, sondern die Intensität ihrer Ausdruckskraft bleibt erhalten: die Bilder gewinnen im Verlauf der Zeit an Aussagenpotenzial. Dieses Paradoxon erklärt sich aus der spezifischen Kombination einer neuartigen bildlichen Räumlichkeit mit einem reichhaltigen Repertoire von Symbolen und Strukturen, die ein Betrachter nicht einfach nur auflösen, sondern die er nur immer umgruppieren kann.Das ‚Lesen‘ der Bilder von Elfriede Fulda erfordert daher einen dynamischen Prozess, der eigentlich kein Ende findet. Jedes Bild ist ähnlich wie ein Individuum charakterisiert, das sich in einer permanenten Entwicklung befindet und zu dem man langsam eine individuelle Beziehung gewinnen muß. Die Bilder folgen keinen Schablonen und sind auch nicht auf eine bestimmte ‚Masche‘ reduzierbar. Elfriede Fuldas Bilder stellen so etwas wie eine zweite, ‚künstliche Natur‘ dar, in die ihre jahrzehntelangen Erfahrungen als Künstler und Mensch eingegangen sind. Ihre hohe künstlerische Begabung, ihr Gefühl und ihre Intuition für Farben, Formen und Symbole führten dabei zu ähnlich komplex aufgebauten Gebilden wie die menschlicher Erlebnisse und Erfahrungen. Und so ist es nur natürlich, wenn an die Stelle des früher gegebenen, traditionell bestimmten flächenhaften Neben- und Übereinander von Bild und Farbe mit der Zeit ein kompliziert verschränktes Raum-Farb-Gebilde getreten ist. Der ursprünglich flächenhaft aufgebaute und durch Zentralperspektive geprägte Raum ist zugunsten einer neuen Art von vielgliedriger und z.T. in sich verschachtelter Tiefe des Bildraums mit oft mehreren unterschiedlichen Perspektiven ‚polyphon‘ umstrukturiert. Und nicht zuletzt hierauf ist die Multifunktionalität und damit vielgestaltige Wirkmöglichkeit der Bilder von Elfriede Fulda zurückzuführen.

 

Gedanken zum Werk von Elfriede Fulda

Prof. Dr. Karl Eimermacher

Wer unvorbereitet auf ein künstlerisches Werk trifft, kann von seiner Einzigartigkeit, seiner unmittelbaren emotionalen oder inhaltlichen Wirkung erschüttert sein. Er kann aber auch achtlos an ihm vorüber gehen.

Dies gilt auch für das Werk von Elfriede Fulda. Es braucht wiederholter Anlässe, Ausstellungen und Publikationen, damit sie als Künstlerin verstanden wird.

Obwohl die vorliegende Publikation nur einen sehr bescheidenen Einblick in den gesamten Umfang des Werks von Elfriede Fulda (Werbeplakate für den Zoologischen Garten der Wilhelma in Stuttgart, Schallplattenumschläge, Kirchenfenster, Zeichnungen) geben kann, so bieten die hier präsentierten Werke doch hinreichend viel Material, um im Detail ihren künstlerischen Ansatz wahrzunehmen und zu erläutern.

Hier versuche ich – ausgehend von meiner eigenen Rezeption- an zwei Beispielgruppen zu zeigen, was für ihre Bilder und künstlerische Entwicklung besonders charakteristisch ist.

Ich lernte gegen Ende der 70er Jahre Teile des Werks von Elfriede Fulda in einem Moment in Köln kennen, als sich ihr Schaffen endgültig entfaltet hatte. Ich war fasziniert von einem Bild, dessen Merkmale ich später auch in vielen anderen Werken dieser Zeit wiedergefunden habe. Gleichzeitig wurde mir klar, welchen Unterschied es zu früheren Arbeitsphasen gab, so dass ich ihr Schaffen auch als Entwicklungsprozess in Phasen betrachten konnte.

Hier soll es um zwei unterschiedliche Bildtypen gehen, die seit den sechziger Jahren nebeneinanderstehen und bei aller Ähnlichkeit doch unterschieden werden können.

 Typ 1: Es handelt sich um Ölbilder wie die hier veröffentlichten Distel“, 1960, „Submarine Impression“ 1963, „Grün-graues Gewebe“ 1982, „Häuser am Fels“ 1985, „Blüte im Licht“ 1981, „Schwebende Kreise auf Lila“ 1980, „Farbströme“ 1982, „Tropfen auf Farbpalette“ 1985, „Kleine Nachtmusik“ 19 92, „Sonne frisst Nebelschwaden“ 1995, „Alpenglühen“ 1995, „Zauber einer Mondnacht“ 1998. Vor allem in dieser Bildergruppe wird gerade der besondere Charakter der Schaffenskonzeption von Elfriede Fulda deutlich.

Bei der Analyse sollte man sich allerdings bewusst sein, dass es so gut wie unmöglich ist, die hohe Komplexität von unterschiedlich großen farbigen Flächen im Wechselverhältnis zu den feinsten Mikrostrukturen als Ganzes oder im Detail adäquat in Worte fassen zu können. Ich werde mich hier also nur auf einige augenfällige Merkmale konzentrieren, die mich von Anfang an beeindruckt haben.

Beim ersten Blick auf diese Bilder sieht man viel, eigentlich zu viel, um alle Details aufzunehmen oder das Ganze als Ganzheit erfassen zu können. Man ist erschüttert, ein Eindruck, der Sprachlosigkeit erzeugt. Man beginnt zu ordnen, konzentriert sich auf die sofort ins Auge fallenden Grobstrukturen und geht dann zu den Kleinststrukturen über, oder auch umgekehrt. Man fragmentiert und versucht, den Gesamtüberblick nicht zu verlieren und versucht, alles auf einander zu beziehen, so dass sich das Gefühl einer begründeten Einheit ergibt. Gelingt dies, beruhigt sich die erste Aufregung. In jedem Fall ahnt man zumindest im Zusammenspiel von Grob- und Feinstrukturen nicht nur ihre formale Unterschiedlichkeit, sondern auch ihre Zusammengehörigkeit und Funktion. In dieser Situation beginnt auch das Bedürfnis zu fragen, warum das Bild so und nicht anders gemalt wurde, damit es mir etwas ‚sagt‘. Da dies noch zu früh scheint, betrachtet man das Werk weiter und entdeckt die unterschiedlichsten, ebenfalls strukturbildenden Farbschichten. In ihrer Wechselwirkung ergeben sich daraus Interaktionen zu anderen Gliederungseinheiten des Bildes, die sich in ihrer Gesamtheit für den Betrachter als nicht abschließbarer dynamischer Strukturierungsprozess darbieten.

Bei diesem Prozess des analytischen Zerlegens und Erfassens einzelner Kompositionselemente zerfällt das Bild zwar zunächst in seine Einzelteile, d. h.  der Zusammenhalt des Ganzen wird aufgelöst. Gleichzeitig bilden die sich wiederholenden Einzelteile neue Einheiten, die in ihrer Gesamtheit potentiell alles wieder vereinen.

Bereits an dieser Stelle lassen sich die für Elfriede Fulda zentralen, ja überhaupt für sie innovativen Schaffensprinzipien formulieren:

Es geht ihr um die Schaffung eines Gebildes unterschiedlichster, dynamisch zusammenwirkender Details, Strukturen und Kompositionsprinzipien. Dieses komplexe Gebilde besteht aus gleichen, variierten und gegensätzlichen, klaren und vermischten Formen und Farben, das teils statisch, teils aber auch dynamisch, pulsierend wahrgenommen wird. Gitterartige, krisslige Formteile oder Bläschen bildende Tropfen entwickeln sich zu kompakten Einheiten bzw. sind im Zerfall begriffen. Formal strukturierte, flächenartige Zusammenballungen koexistieren mit fließenden Auflösungserscheinungen. Es sind dies gleichgewichtete Schwebezustände, die beliebig kombiniert werden können. Diese Art von Rezeptionsprozess kann als das Wahrnehmen eines komplexen Netzes von Transformationen bezeichnet werden, das trotz unterschiedlichster Dynamik jedoch auf einer höheren Ebene wieder einen Zusammenhalt stiftet.

Das analytisch beschriebene Gebilde von Bildmerkmalen bildet die Grundlage für die Auslösung eines individuell und überwiegend stimmungsabhängigen Rezeptionsprozesses, der nicht durch eine kunsthistorische Einordnung verbessert werden könnte. Eher im Gegenteil. Der Annäherungsprozess des Betrachters ist bei diesem Typ von Bildern ausschließlich individuell und unabhängig vom Bildtitel.

Vor diesem Hintergrund ist die durch das Bildgefüge ausgelöste Reaktion in ihrer Art nicht voraussagbar, sondern stellt eine immer wieder neue sinnliche ‚Sensation‘ im Vergleich mit Werken anderer Künstler dar. Dies gilt es besonders zu betonen.  Die spezifische Offenheit des individuell ablaufenden Rezeptionsprozesses eröffnet daher eine große Freiheit für den Betrachter.

Wie verhält sich nun diese Feststellung mit den von Elfriede Fulda zugewiesenen Bezeichnungen ihrer Bilder? Sie deuten zumindest auf eine plakative Art der Interpretation hin!

Typ 2: Betrachten wir in diesem Zusammenhang „Die Muschel“ 1960. Der Bildinhalt ist nur scheinbar die Muschel, sondern eher, dass eine Muschel in ein komplexes, formalstrukturiertes Farbensemble eingebettet ist. Es liegt die Interpretation ‚Urgrund des Lebens‘ oder Vergleichbares nahe. Ähnlich verhält es sich bei „Zauberwelt“ 1960, „Häuser am Berg bei Sonnenaufgang“, „Wüstendorf bei Nacht“ 1968, „Zurück zur Natur“ 1962 u. a. Obwohl zugegebenermaßen die Benennungen die bildliche Vorstellung des Betrachters im Blick auf die Benennung stimulieren, befinden sich trotz allem der Strukturreichtum sowie vor allem die spezifische Farblichkeit der Sujets stark in Konkurrenz zueinander: Die figurativ angedeuteten Bildelemente, die offenbar die Art der Benennung ausgelöst haben, bleiben im Ganzen des Bildes peripher. Vergleiche beispielsweise „Häuser am Berg bei Sonnenaufgang“ 1962 oder „Nach der Mondfinsternis“ 1980. Dominant ist die Struktur und Farblichkeit. Das gilt etwa auch für „Zurück zur Natur“ 1962, in das ein aus dem Bild herausschauendes stilisiertes Gesicht erkennbar ist, das den Betrachter ansieht.  

Vergleichen wir den Bildtyp 1 und 2, so entstehen sie fast alle zeitgleich, obwohl der Typ 1 ab den 80er Jahren immer stärker in den Vordergrund tritt. Allein schon aus dieser Tendenz heraus lässt sich schließen, dass Elfriede Fuldas Hauptinteresse dem hyperstrukturierten Bildtyp 1 galt und dass Figuratives auf jeden Fall den sog. abstrakten Strukturierungsprinzipien untergeordnet war.

Die Dominanz farblicher Strukturiertheit ist umso verständlicher, als es zur eigentlichen künstlerischen Begabung von Elfriede Fulda gehört, dass sie in der für sie überwältigenden Welt der Farben aufgegangen ist. Für diese Welt hat sie gelebt, ja, sie war selbst diese Welt. Die Erfahrung mit der künstlerischen Welt von Adolf Hoelzel (1853 – 1934), dessen Bilder und Nachlass sie während ihrer Stuttgarter Zeit kennengelernt hatte, spielte dabei eine entscheidende Rolle.

Und auch vor diesem Hintergrund wird verständlich, dass es Elfriede Fulda nicht in erster Linie um die Darstellung einer realen Welt mit Sujets geht, die man mit Hilfe von Namen zusätzlich benennen müsste.  Das Erleben einer komplex aufgebauten Welt, bestehend aus einer Vielzahl von Farbmischungen und Formen, war ihr Ziel. Bildaussagen im philosophischen Sinne oder in Bezug auf eine allgemeine Aussage über unsere Welt standen für sie nicht im Vordergrund.

Wir müssen Elfriede Fulda dankbar sein, dass sie mit der Art ihrer Kunst uns verstehen gelehrt hat, Kunst als Kunst und nicht als sichtbares Zeichen der Wirklichkeit zu sehen. Kunst erweitert unser Verhältnis zur ‚Welt‘, ja auch zu uns selbst.